«Es ist alles nur geliehen!» Interview mit Thomas Rau

«Nehmen, nutzen, wegwerfen» – das System der Endlichkeit gehört abgeschafft, sagt Thomas Rau, Architekt und Autor des Buches «Material Matters» im Interview. Da Materialien wertvoll und limitiert sind, sollen sie im Besitz der Hersteller bleiben. Die Folge? Produkte werden zu Dienstleistungen.

Der Architekt und Buchautor Thomas Rau (© Daniel Koebe)

Die Idee der Kreislaufwirtschaft ist fast 40 Jahre alt, mit der Umsetzung stehen wir aber immer noch am Anfang.

Unsere Vorfahren haben stets im Sinne der Kreislaufwirtschaft gehandelt, schlicht und einfach, weil Rohstoffe und Materialien einen Wert hatten. Man wirft Wertvolles ja nicht weg. Diesen Gedanken haben wir in der jüngeren Zeit aus den Augen verloren. Wir handeln heute noch immer nach dem Prinzip «Nach uns die Sintflut». Sobald Hersteller ihre Produkte verkauft haben, interessieren sie sich kaum mehr dafür. Es ist aber unsinnig, wertvolle, endliche Ressourcen wegzuwerfen. Diese Rohstoffe stellen unsere «limited editions» dar. Unsere Arbeitskraft hingegen ist unendlich.

Welche Auswege sehen Sie?

Das eigentliche Problem ist, dass im heutigen System der Hersteller die Verantwortung für die Konsequenzen kaum übernehmen muss. Erst die Verantwortungsübernahme stimuliert ein «Vordenken» über den Umgang mit dem Material. Wir brauchen Hersteller, die vordenken und ihre Produkte so konzipieren, dass man diese wieder auseinander bauen und ihre Einzelbestandteile neu einsetzen kann.

Wo liegt da der Unterschied zum heutigen Recycling?

Die heutige Wirtschaft basiert auf dem Prinzip der Wertevernichtung, wenn es um Materialien geht. Daran ändert das Recycling nichts. Es ist nachgelagert, steht an letzter Stelle im Produktlebenszyklus und ist von der Herstellung völlig abgekoppelt. Das ist so, weil Materialvernichtung weniger kostet als Materialerhalt. Ändern wir die Spielregeln und geben den endlichen Ressourcen einen Wert, werden Unternehmen andere Produkte und Lösungen entwickeln. Der beste Recycler ist der Hersteller selbst.

Was erhoffen Sie sich davon?

Ein Hersteller sollte im Besitz der Produkte und der Materialien bleiben. Dann wird er alles daransetzen, dass seine Produkte möglichst langlebig, reparierbar und leicht auseinanderzubauen sind. Er wird sie so bauen, dass man sie leicht aufrüsten kann und nicht wegwerfen muss, nur weil sie mit Erzeugnissen oder Funktionen neueren Datums nicht kompatibel sind. Dafür braucht es ein Geschäftsmodell, das Produkte als Dienstleistung anbietet.

Produkte als Dienstleistung – funktioniert das?

Wir haben das Modell bereits mehrfach mit etlichen Firmen erprobt, zum Beispiel mit Philips. Der Flughafen Schiphol in Amsterdam kauft bei Philips nicht, wie ursprünglich geplant, Leuchten, sondern Licht ein. Die gesamte Beleuchtungsinfrastruktur bleibt im Besitz von Philips. Aber auch alle Unterhaltskosten samt der Stromrechnung trägt der Anbieter. Es funktioniert bestens, mit Gewinn für beide Geschäftspartner.

Das heisst, dass ein Sanitärhersteller die gesamte Badausstattung zur Verfügung stellt?

Zum Beispiel. Es könnte zudem bedeuten, dass auch die Wasser- und Stromkosten im Bad Sache des Sanitärunternehmens sind. Dieses hätte folglich grosses Interesse daran, wasser- und stromeffiziente Produkte zu entwickeln.

Was ist aber mit sanitären Gebäudeinstallationen? Wem gehört das Gebäude, wenn die Rohrleitungen im Besitz des Sanitärunternehmens und die Fliesen im Besitz des Plattenlegers bleiben?

So, wie heute Gebäude geplant und gebaut werden, funktioniert diese Dienstleistungswirtschaft natürlich nicht. Aber Veränderung gehört zum Geschäft. Kreislaufwirtschaft ist ein gesamtgesellschaftliches Modell. Es eröffnet neue und vor allem nachhaltige Formen der Produktion und der Nutzung, erfordert aber auch ein anderes Verständnis von Materialien und damit neue gesetzliche Grundlagen.

Das klingt nach einem langwierigen Prozess…

… und wir haben keine Zeit. Ich plädiere nicht fürs Warten. Ich vertraue sehr auf die Wirtschaft und ihre Innovationskraft. Sie muss aber in den Materialien und in deren Besitz einen Wert sehen und Vorteile für sich entdecken. Dann entwickelt sie neue Antworten.

Fakten

Über Thomas Rau

Über Thomas Rau

Thomas Rau ist Architekt, Unternehmer und Buchautor. Sein Architekturbüro RAU Architects in Amsterdam (NL) spezialisiert sich seit 1992 auf umweltbewusstes Bauen. Inzwischen ist Thomas Rau in den Niederlanden die unangefochtene Autorität auf dem Gebiet des nachhaltigen Bauens und der zirkulären Wertschöpfung in der Architektur.

2016 publizierten Thomas Rau und Sabine Oberhuber das Buch «Material Matters. Wie eine neu gedachte Circular Economy uns zukunftsfähig macht.»